Stockwerkjazz 22nd Anniversary

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editorial 2/2017

Nekrolog

was im Moment in der Kunst so zusammengestorben wird, ist nicht mehr lustig. Fast schon jede Woche könnten wir einen Nachruf schreiben, wenn wir könnten. Seit sich vor nicht einmal einem Jahr der stets gut gelaunte Posaunist Johannes Bauer, der unserem Haus besonders eng verbunden war, sich nach krebsbedingt erbärmlichem Daseinsfinale in Asche auflöste, will die Sterberei nicht aufhören.

Unter den vielen Kreativgeistern sind viele gute Bekannte, Freunde gar und solche, die es noch hätten werden können. Gerade erst gestern sind uns wieder Ekkehard Jost, mit dem wir ein baldiges Konzert geplant hatten, und Meister Arthur Blythe einfach weggestorben.
Wir denken auch an Larry Coryell, mit dem wir unser Herbstprogramm eröffnen wollten, an Ernst M. Binder, dessen Weihnachtskonzert im Stockwerk zur Legende wurde, an Werner Fenz und seine Neugier, an den Kollegen Klaus Schulz, an den smarten Paul Smoker, an den lieben Marco Eneidi, an Dominic Duval, Häns'che Weiss, Jurij Kusnezow, Jaki Liebezeit, Christine Jones, den qualmenden Misha Mengelberg und an Karl Hodina, der noch immer Post von uns erwartet.
Dann an Victor Bailey und an Alphonse Mouzon, der uns einst unvergessliche Rede und Antwort stand. Und mit Bobby Hutcherson wollte wir auch noch etwas machen.
Fünf Etagen über dem Stockwerkjazz-Business wollen wir aber auch Al Jarreau noch ein paar Blumen streuen, den wir als den liebenswertesten Gesprächspartner in der ganzen mondänen Jazzwelt kennengelernt haben.
Und nicht zu vergessen: undundund! So viele auf hintereinander. Als wären sie um die Wette gestorben.
Andrerseits, so scheint es, trifft man manche lebende Bekannte überhaupt nur mehr in der Feuerhalle. Immerhin.

Warum diese morbiden Gedanken an einem Frühlingstag wie gestern? Nur dass wir wissen, dass wir noch nicht dazugehören?
Danke, uns geht es gut.

Otmar Klammer

Coda: Ich habe den Blues. Aber wer den Blues hat, hat auch den Trouble. Aber das ist nicht so schlimm, weil - ich hab ja den Blues. (Bert Stephan)

 


editorial 1/2017

Liebe Leute,

wir haben Sie gewarnt. Ein ganzes Vorwort haben wir zuletzt an dieser Stelle dafür geopfert. Jetzt oder nie, haben wir dann gesagt. Und da wir auch nach Monaten akribischer Suche nicht ein einziges Geschäft gefunden haben, in dem die Preise seit zwanzig (!) Jahren unverändert geblieben sind, genieren wir uns auch nicht, unsere Preispolitik einer soliden Überarbeitung zugeführt zu haben.
Schon unser hoch verehrter Albert Camus ließ uns dereinst einmal ausrichten, dass ab einem bestimmten Alter jeder Mensch selbst für sein Gesicht verantwortlich ist.
Wir haben auch ein Gesicht zu verlieren, immerhin haben wir Ihnen die Preiserhöhung letztens ja hoch und heilig versprochen, und überhaupt sind wir uns das schuldig. Denn wenn der Preis für ein Bier den eines Konzertes schon bald eingeholt hat, sollten ja doch die Kuhglocken läuten.
Wir müssen also auch unser Gesicht wahren. Nicht zuletzt sind auch die Gagen der Musiker heimlich, aber erklecklich gestiegen. Und überhaupt, das ganze Gefrett mit den Förderungen hüben und den steigenden Kosten drüben.
Nun kommen halt da und dort ein paar Euro zur Jazz-Kommunion dazu. Sie werden es kaum merken.
Dafür bekommen Sie bei uns auch Musiker von Rang und Namen zu sehen. Live und in Farbe!
Es kommt ja nicht von irgendwo, dass uns DownBeat nun schon zum fünften Mal in Folge unter die weltweit wichtigsten Adressen in Sachen Jazz gereiht hat. Das renommierteste, größte und älteste einschlägige Fachmagazin, das immerhin auch schon wieder in sein 84. (!) Erscheinungsjahr geht, would like to congratulate StockwerkJazz on being named one of the world´s top jazz venues for 2017. Das erfreuliche Briefchen aus Elmhurst/IL flatterte uns gerade recht zur Winterdepression ins Haus. Als ob wir es gewusst hätten.

Otmar Klammer


editorial 2/2016

Gedanken über Jazz und die Welt

Viele gegenwärtige Literaten, zumal die meisten jungen unter den Aufsteigern, haben zum Jazz ein ambivalentes bis gefrorenes Verhältnis. Das verstehen wir nicht.
Aus unseren schlaflosen Nächten sind uns nicht wenige Schreiber bekannt, die in ihren Romanen am Rande der Handlung nur auratische Pophelden wie James Morrison oder David Bowie hochleben lassen oder dunkle Episteln alternder Song-Ikonen an die Wand malen. Jazz scheint da bestenfalls nur als Tapete für Wohnungen fremder Gestalten vorzukommen. Oder als Reminiszenz an den Vater.
Täuschen wir uns da? Oder lesen wir einfach nur zu viel aus der Dichterklasse der neuen Selbsttherapeuten?
Wie auch immer, wir haben uns nun eine Aufgabe gestellt. Eine Aufgabe, mit der wir hinkünftig diesen Programmfolder um Gedanken erweitern wollen, die sich Schriftsteller oder Dichter in unserer persönlichen Reichweite über Jazz und die Welt machen. Also auch über uns.
Fürderhin bitten wir also handverlesene ehrenwerte Vertreter der Zunft, uns mit epischen oder lyrischen Wortspenden zum Jazz im Allgemeinen oder zum Stockwerk Graz im Besonderen zu versorgen. Unter Umständen darf es auch ein Dramoletterl sein.
Das kann ganz schön lustig werden, immerhin waren unserer Mission in den letzten 22 Jahren schon so manche bekannte Wortschmiede sehr gewogen, zumindest schließen wir das aus ihren wiederholten Konzert- und Trinkbesuchen. Leider haben uns auch manche nicht mehr erlebt.
Wir beginnen diese versprochene Erfolgsreihe nun mit Fiston Mwanza, dem preisgekrönten und biologisch wortfesten ehemaligen Grazer Stadtschreiber, der vielen noch von der deutschen Uraufführung seines Theaterstückes "Gott ist ein Deutscher" in Graz (2011) in Erinnerung sein mag und der nun am Sprung zu einer ganz großen Karriere ist. Noch konnten wir uns seine Worte also gerade noch leisten.
Als Lieferant für unsere nächste Ausgabe (Herbst 2016) haben wir schon die Zusage des deutschen Sprachwaldförsters Ulrich Schlotmann (Die Freuden der Jagd), dem residierenden Grazer Stadtschreiber, in der Tasche.
Wir sind gespannt. Und der Tag ist gerettet.

Otmar Klammer